Verehrte Investoren,

Ist dies schon Wahnsinn, so hat es doch Methode.

Shakespeare

„Sie binden ein langes Stück Schnur am oberen Ende des Barometers fest und senken anschließend das Barometer vom Dach des Hochhauses vorsichtig zur Erde. Die Länge der Schnur plus die Länge des Barometers ergibt dann die Höhe des Gebäudes.“ Dies war die Antwort eines Studenten bei der Physik-Prüfung an der Universität Kopenhagen auf die Aufgabe „Beschreiben Sie, wie man die Höhe eines Wolkenkratzers mit einem Barometer feststellt.“ Obwohl die Antwort vollkommen richtig ist, fiel der Student auf der Stelle durch die Prüfung.

Offensichtlich ist nicht nur entscheidend, was man sagt, sondern wie man etwas sagt. Obige Geschichte ist gleichzeitig ein wunderbares Beispiel, dass Jürgen Habermas, der vor wenigen Tagen 90 Jahre alt gewordene wohl wichtigste deutsche Denker der Gegenwart, in seinem Opus magnum „Die Theorie des kommunikativen Handelns“ vor allem ein Ideal formuliert hat, nicht jedoch die Realität: im Rahmen eines herrschaftsfreien Diskurses (in dem nicht die Machtverhältnisse im wahrsten Sinne das Sagen haben) sollten der „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments und das Motiv der kooperativen Wahrheitssuche“ entscheidend sein. Die Diskutanten sollten die gleichen Chancen auf Beteiligung und Deutung der Argumentationsqualität haben. Und: es sollte keine Täuschungen mehr geben, was die eigenen Absichten und Gefühle angeht. Tatsächlich wendet einer der erfolgreichsten Hedge Fonds-Investoren der Welt, Ray Dalio, dieses Prinzip z.B. in Besprechungen radikal an und beharrt konsequent und radikal auf seinen Prinzipien. Alle Besprechungen werden übrigens per Video aufgezeichnet – was der Nutzen davon ist, kann sich jeder ausmalen.

Man achtet sehr stark auf das, was man sagt. Das ist durchaus rational, mehr noch: es hat normativen Charakter. Für Jürgen Habermas bildet die Sprache tatsächlich das normative (!) Fundament einer Gesellschaft. Wahrscheinlich gibt es ein solches nicht für die Finanzmärkte, oder zumindest nicht mehr. Ist es vielleicht die Rationalität? Dann hätte möglicherweise Optimus, ein Beratungsunternehmen für Quants, recht. Demnach sollen bis 2025 ca. 40% aller Finanzjobs an Künstliche Intelligenz-Lösungen wegfallen – laut der Man Group (einem sehr großen Hedge Fonds-Anbieter) sollen bis 2040 sogar 99% aller Börsen-Entscheidungen KI-basiert sein. Was würde ein rein quantitativer Ansatz aktuell zu Value-Aktien sagen? „Value-Aktien weisen gegenwärtig den größten Abschlag aller Zeiten auf“, so unlängst die Analysten von JPMorgan. Sah man in früheren Zeiten, so die Analysten, niedrige Bewertungen als rein zyklisches Problemen, sei nun, im Antlitz der disruptiven Kraft unzähliger neuer Technologien die Gretchenfrage, ob diese Unternehmen in 10 Jahren überhaupt noch existieren. Könnte ein KI-basierter Fonds eine solche Frage stellen?

Oder wie würde er bepreisen, dass ein „gigantischer Asteroid den Goldpreis auf null fallen lassen könnte“? Rein nach Wahrscheinlichkeiten und historischen Daten? Für den NORD/LB Horizont Fonds haben wir uns jedenfalls im Berichtsmonat dazu entschieden, unser Exposure weiter zu erhöhen – indirekt, aber mit gewissem Hebel, könnte man sagen: über einen ETF auf Goldminenaktien. Gold hatte in den letzten Wochen bedeutende chart-technische Widerstände genommen, insbesondere die 1.350$-Marke und so ein Sechs-Jahres-Hoch erreicht. Unser Timing, unser Exposure in Gold im Februar zu verdoppeln, war also sehr gut.

Dennoch gibt es gute Gründe, dass der Goldpreis zunächst einmal an der nächsten wichtigen Hürde bei 1.475$ scheitert, u.a. den besten Kontra-Indikator, aber auch eine ordentliche Portion Skepsis der kommerziellen Marktteilnehmer, die ihre Short-Bestände unlängst stark ausgebaut haben (blaue Linie in dem Chart). Geht man jedoch davon aus, dass die Zinsen bzw. Renditen weiter fallen, so sollte das ein Stimulus für Gold sein, da seine relative Attraktivität – zu de facto nicht vorhandenen Zinsen – sich erhöht. Daneben gilt Gold – durchaus bestreitbar – als Krisenwährung.

Und als „Inflationsschutz“. Inflation? Vielleicht resultierend aus auf den ersten Blick tollen Arbeitslosen-Daten? „Die tiefste Arbeitslosenzahl seit 51 Jahren. Wow!“, twitterte Donald Trump (der den Anspruch an kommunikatives Handeln von Habermas vielleicht gelesen (J) hat, aber zumindest nicht danach handelt) nach Bekanntgabe der April-Daten. Die offizielle Arbeitslosenrate in den USA (3,6%) ist auf dem niedrigsten Stand seit fünf Dekaden und das ist nach klassischer Lesart mit höheren Löhnen und damit höherer Inflation verbunden (so auch die Kern-Aussage der berühmten, immer wieder an den Finanzmärkten diskutierten Phillips-Kurve). Indes: auch die Erwerbsquote bleibt gering (62,8%). Und es werden eben weniger Stellen geschaffen, als erwartet. Selbst das Plus der Vormonate März und April wurde merklich nach unten korrigiert. Vor allem aber hat die niedrige Inflation auch mit größeren strukturellen Effekten zu tun.

Deutschland wiederum befand sich bereits in den Wintermonaten gefühlt in der Rezession und Euroland gleich mit. Der Absturz der Stimmungsindikatoren, insbesondere für den Industriesektor, ließ Schlimmes für die Geschäftsergebnisse im ersten Quartal befürchten. Dementsprechend hatten Analysten ihre Prognosen für Umsatz- und Gewinnwachstum seit Jahresbeginn deutlich bis in den negativen Bereich hinein gesenkt. Doch ebenso, wie das BIP-Wachstum Deutschlands (und auch das für die Eurozone) im ersten Quartal positiv überraschte, waren auch die Quartalsberichte der Unternehmen letztlich besser ausgefallen als befürchtet. Die berichteten Umsätze der Stoxx 600-Mitglieder haben bei 60 % der Firmen und die Gewinne bei 58 % besser ausgesehen als geschätzt. Bei den DAX-Mitgliedern überraschten sogar 75 % der Gewinnmeldungen positiv.

Zuletzt – mit den ersten Berichten über die zweiten Quartale – hagelte es jedoch prominente Gewinnwarnungen, z.B. von Lufthansa, Daimler oder BASF. Wie geht es also weiter? Wir wissen es nicht – und sind froh, dass es für den NORD/LB Horizont Fonds irrelevant ist. Unser Aktiensicherheitsnetz funktioniert – und erhöhte Kursverluste nutzen wir weiterhin für Short Puts. Unsere breite Streuung erlaubt uns nach wie vor diese Gelassenheit. Unsere Diversifikation fußt auch auf den Cat-Bonds. Hier hat sich in den letzten Wochen eine gute Gelegenheit ergeben, diese Anlageklasse aufzustocken. Die Versicherungsprämien (ohne die Geldmarktkomponente) sind auf 7,31% gestiegen und versprechen ergo für die mittlere Sicht ein beachtliches Potenzial. Inklusive des Prämienanstiegs im zweiten Quartal sowie des US-Geldmarktzinses ergibt sich eine zweistellige Bruttorendite für die kommende Zeit. Hinzu kommt, dass vor einigen Tagen die US-Hurrikan-Saison begonnen hat – traditionell ein besonders guter Zeitpunkt zum Einstieg.

Unsere Argumente sind hier tatsächlich primär rationaler Natur, auf Basis von historischen Daten und Wahrscheinlichkeiten. Doch es gibt nicht nur die Emotionen, den „natürlichen Gegenspieler der Rationalität“, sondern eine Vielzahl an Erkenntnisquellen. Dies ist auch Jürgen Habermas bewusst. Wenngleich er den rationalen Anspruch vehement verteidigt, konstatierte er bereits in den 1960er (!) Jahren – Donald Trump war gerade wegen seines schlechten Verhaltens von seinen Eltern in eine Militärschule geschickt worden, andere Populisten nicht einmal „geplant“ – für die westliche Gesellschaft eine Situation, „in dem das Erbe des okzidentalen Rationalismus nicht mehr unbestritten gilt“.[1] Das Erbe von Kant und Co. ist gefährdet. Doch es lohnt sich, zumindest danach zu streben, bei wichtigen Fragen zu versuchen, auch konsequent rational zu denken. Erlangt man damit „die Wahrheit“? Bei der Suche danach, ist es jedenfalls wichtig und schlau, zu trennen, ob ein Argument empirisch (also das Wissen betreffend) oder normativ (also die Werte ausdrückend) ist.[2] Die Regel ist indessen, dass diese beiden Sphären vermischt werden.

Prinzipiell sollte mit Wahrheit auch keine dichotome Kategorie gemeint, die nur „wahr“ oder „falsch“ kennt. Sondern es sollte eher eine Art „Wahrheitsähnlichkeit“ im Sinne von Karl Popper ausgegangen werden bzw. eine „normative Richtigkeit“, wie Jürgen Habermas sie postuliert[3], erstrebt werden. Einfacher gesagt: viele Wege führen nach Rom.

Der Student aus dem Eingangsbeispiel legte seinerzeit Protest ein, da seine Antwort nun mal korrekt sei. Also wurde er noch einmal hereingerufen. Zunächst schwieg er einige Minuten seiner kurzen Restprüfungszeit. Als er daran erinnert wurde, dass er nur noch wenig Zeit habe, antwortet, er habe noch überlegt, welche der möglichen Lösungen präsentieren solle. Also holte er kurzerhand aus und gab auf die Prüfungsfrage folgende Antwort:

Erstens: Sie können das Barometer mit auf das Dach des Gebäudes nehmen und es von der Dachkante herunterfallen lassen und dabei die Zeit messen, die es benötigt, bis es auf dem Boden aufprallt. Die Höhe des Gebäudes kann von der Formel h = 0.5gt2 abgeleitet werden. Jedoch ist diese Variante äußerst ungünstig für das Barometer.

Oder zweitens: Wenn die Sonne scheinen sollte, können Sie zunächst die Höhe des Barometers messen, setzen dann das Barometer mit dem einen Ende auf dem Boden auf und messen den Schatten, den es wirft. Danach messen Sie die Länge des Schattens, den der Wolkenkratzer verursacht. Jetzt ist es nur noch eine einfache proportionale Rechnung, um daraus die Höhe des Gebäudes abzuleiten.

Wollen Sie jedoch höchst wissenschaftlich vorgehen, dann binden Sie drittens ein kurzes Stück Schnur an das Barometer und bringen es wie ein Pendel zum Schwingen. Dies machen Sie zuerst auf dem Boden und danach auf dem Dach des Gebäudes. Die Höhe ergibt sich dann aus dem Unterschied in der Gravitationskraft.

Oder aber viertens: wenn das Gebäude an der Außenseite eine Feuertreppe haben sollte, dann braucht man diese einfach nur nach oben zu steigen und jeweils in der Länge des Barometers Markierungen anzubringen. Am Ende werden diese dann einfach addiert und man erhält daraus die Gesamthöhe des Gebäudes.

Die bei weitem langweiligste und gewöhnlichste Variante wäre die fünfte: mit dem Barometer erst auf dem Dach, dann auf dem Boden den Luftdruck messen und die Differenz aus Millibars in Zentimeter umwandeln.

Da wir aber konstant dazu ermahnt werden, uns in der Unabhängigkeit des Denkens zu üben und wissenschaftliche Methoden anzuwenden, würde es sechstens zweifelsohne das Beste sein, einfach an der Tür des Hausmeisters zu klopfen, und zu ihm zu sagen: ‘Wenn Sie ein hübsches neues Barometer möchten, dann will ich Ihnen gerne dieses hier schenken, aber nur, wenn Sie mir die exakte Höhe des Gebäudes verraten.’

Der Student hieß Niels Bohr und ist bis heute der einzige Physik-Nobelpreisträger Dänemarks. Sein Atom-Modell hat die Physik revolutioniert.

Wir wissen nicht, ob die Anekdote wirklich wahr ist. Doch enthält sie einige Lehren. Erstens können auch Autoritäten etwas von Nicht-Autoritäten lernen. Zweitens sollte man es mit Paul Feyerabend halten: Wider den Methodenzwang[4], d.h. zunächst möglichst viele Argumente, auch zunächst abwegige, zulassen. Drittens: Das Wort „Vernunft“, das so viele Rationalisten sich auf die Fahnen schreiben, stammt von dem Wort „vernehmen“, der „Tätigkeit des Vernehmens, Hörens, Begreifens, sinnliche Wahrnehmung, Verständnis, Einsicht, Klugheit“[5].

Zum Vernehmen gehört, dass man das, was jemand sagt, wirklich aufnehmen will, bereit ist, seinen Denkhorizont zu erweitern. Wir sind bereit und freuen uns auf ihr Feedback.

 

Luxemburg, den 10.07.2019

Michael Feiten, Florian Konz, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

 

[1] Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt a.M. (1987), Bd. 1, S. 9.

[2] Gerhard Schulze: Krisen. Das Alarm-Dilemma (2011), S. 89.

[3] Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt a.M. (1987), Bd. 2, S. 97ff.

[4] Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang. Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie, Frankfurt a.M., 1976. Feyerabend geht sogar so weit (und belegt es auch) zu sagen, dass eine „Theorie nur selten mit den Tatsachen vereinbar“ ist. „Die Forderung, nur solche Theorien zuzulassen, die mit den verfügbaren und anerkannten Tatsachen vereinbar sind, führt wiederum dazu, dass uns überhaupt keine Theorie bleibt. (Ich wiederhole: überhaupt keine Theorie, denn es gibt keine einzige Theorie, die nicht der einen oder anderen Schwierigkeit ausgesetzt wäre.)“, ebenda, S. 66.

[5] DWDS: Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache.

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