Verehrte Investoren,

“Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an; der unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen.“

George Bernard Shaw

Sie sind tolerant? Sie haben keine Vorurteile bzw. wenn, dann sind Sie sich derer bewusst? Und schon gar nicht beeinflussen Ihre Stereotype Ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen? Jedenfalls ist Ihre Familie ein geschützter Bereich. Egal, was ist – Sie legen vermutlich wert auf Harmonie. Das war und ist aber nicht immer so:
Drei der vier wichtigen Herrscher, die im Ersten Weltkrieg gegeneinander antraten, waren Cousins. Kaiser Wilhelm II., Zar Nikolaus II. und König Georg V.: drei königliche Vettern, die insbesondere Europa (aber auch Afrika, Ostasien und den Nahen Osten) in die “Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts” stürzten, wohlgemerkt auf der Grundlage eines eigentlich regionalen Konfliktes. Vor diesem Krieg stand Europa auf dem Höhepunkt seiner weltweiten Dominanz. Um solche Konflikte politisch zu lösen, gibt es inzwischen – trotz aller Kritik – Institutionen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union.

Apropos Europawahl: Wenn Sie den Wahl-O-Mat genutzt haben (auch wenn nicht), können Sie im Anschluss einen der folgenden sog. “impliziten Assoziations-Tests” (IAT) der Universität Harvard ausführen, zu verschiedensten Themen wie “WessiOssi”, “Geschlecht und Wissenschaft”, “Rasse”, “Hautfarbe” – das durch Sie reflektierte Ergebnis könnte eine Indikation liefern, nicht nur dem Wahl-O-Mat zu folgen. Was das Ergebnis der Wahlen angeht, so gehen unsere Team-internen Prognosen auseinander – Sie wissen ja: wir tun uns etwas schwer mit Prognosen 😉

Exakt vor einem Jahr prognostizierte der Internationale Währungsfonds, dass die Weltwirtschaft im Jahr 2019 mit stolzen 3,9% wachsen werde. In seinem letzten Update lag die Prognose schon nur noch bei 3,3%. Noch dramatischer ist die “Prognose-Korrektur” bezogen auf das deutsche Wirtschaftswachstum:

Quelle: JP Morgan
Nach auch noch schlechten Einkaufsmanager-Indizes erreichten zehnjährigen deutschen Staatsanleihen entsprechend erstmals seit drei Jahren wieder negatives Terrain. Es scheint, als stehe Deutschland – was den Anleihesektor angeht – vor der Vollendung der Japanisierung. Noch offen ist, ob die US-Zinsen „nachziehen“:

Ende 2018 lag die Rendite der zehnjährigen US-Anleihen noch bei 3,24% – Ende März fast 1% (!) tiefer. Weltweit rentieren Anleihen im Gegenwert von 10 Billionen (!) US-Dollar negativ, doppelt so viel wie vor einem halben Jahr. Alleine in Europa rentieren Unternehmensanleihen im Wert von 150 Milliarden Euro negativ – unlängst ließen Unternehmen wie LVMH, Toyota Finance, ING aufhorchen, in dem sie Anleihen mit 0% Zins, über (!) pari emittierten.

Oft wird von einer Anleihen-Blase gesprochen und in diesen Kommentaren ist nicht die Frage, ob, sondern wann sie platzt. Das Beispiel japanischer Anleihezinsen lässt zumindest auch gedanklich Alternativen zu.

Gleichzeitig stehen die Aktienmärkte vor traditionell eher bescheideneren Monaten. „Sell in May and go away“ – darüber haben wir schon oft geschrieben. Jedoch: erinnern wir uns an den erfolgreichen Börsensommer letztes Jahr. Die heftige Abschwächung kam erst zum Jahresende.  Zurückkehren sollen die Börsianer gemäß dem Original der Börsenweisheit im September. Warum September? In diesem Monat findet das berühmte St. Leger-Pferderennen, statt. Ursprünglich hier der Satz entsprechend auch „…Come Back on St. Leger`s Day“. Spätestens an diesem Tag sollten die Arbeitnehmer wieder zurück an ihrem Arbeitsplatz sein. Der Arbeitsplatz, um den es ging, war London, das die Börsianer, Aristokraten und Händler für die heißen Sommermonate verließen.

Erstmals fand dieses Rennen im Jahr 1776 in England statt – wenige Tage nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von England. Dem englischen König warfen die Amerikaner seinerzeit unter anderem vor, die Einwanderung (!!) und den Handel (!) behindert zu haben. Ob ihr aktueller Präsident das weiß?

Wie dem auch sei: Seien Sie von den IAT-Tests oben nicht entmutigt, auch wenn Sie sich danach vielleicht ein Stück weit so „impulsiv-unreflektiert“ fühlen, als seien Sie Donald Trump. Tatsächlich handelt er für einige erfolgreiche Investoren sogar „zu wenig disruptiv“. Der IAT bedeutet zwar „sehr wohl, dass wir auf einer sehr grundlegenden Ebene voreingenommen sind. So sehr Sie auch protestieren, dass dies auf Sie nicht zutrifft, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit dennoch der Fall sein. Kaum einer ist dagegen immun.“1

Tatsächlich ist unser Gehirn zunächst einmal für schnelle Urteile gemacht. Wer wüsste das besser als wir Finanzmarktakteure, die jeden Tag mit Gaps und emotionalen Reaktionen konfrontiert werden.

Doch der Test impliziert nicht „dass wir auch zwangsläufig voreingenommen handeln werden. (…) Wir sind bestens in der Lage, den Grundimpulsen unseres Gehirns zu widerstehen.“ Wenn wir wollen und wenn wir nachdenken. Nicht nur an der Börse – am Sonntag sind Europawahlen.

Luxemburg, den 22. Mai 2019
Michael Feiten, Florian Konz, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

Konnikova, Maria: Die Kunst des logischen Denkens (2013), S. 67.

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