Verehrte Investoren,

“Der Fortschritt der Zivilisation ist abzulesen an der Anzahl der Handlungen, die wir ausführen können, ohne über sie nachzudenken.“

Alfred North Whitehead

In zehn Jahren, im Jahr 2029, wird die Erde infolge eines Atomkrieges zerstört und der Großteil der Menschheit ausgelöscht sein.

Dies ist nicht etwa das Setup aktueller politischer Taktik, sondern die Hintergrundgeschichte zu einem der einflussreichsten Science-Fiction-Filme der 1980er Jahre: „Terminator“. Besagter „Mann“ steht eher für Taten statt Worte: im ganzen ersten Film spricht „der Terminator“ nur 58 Wörter, meistens wenig poetisch. So auch in den Folgeteilen: „Aufgrund deines Pupillenreflexes, deiner Hauttemperatur und deiner Motorik errechne ich eine 83-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass du den Abzug nicht betätigen wirst.“

Man mag darüber lachen, doch abgesehen davon, dass der Terminator schon vom Äußeren eine Horrorvision für die Kombination von Robotik und Künstlicher Intelligenz ist, deuten sich hier schon verschiedenste real geworden Entwicklungen wie Gesichtserkennung, Iris-Erkennung etc. an – jedoch muss eine starke Künstliche Intelligenz nicht viele Gemeinsamkeiten mit dem Menschen haben. Es reicht, wenn sie herausragende Leistungen vollbringt, die man eigentlich nur Menschen zugetraut hätte, z.B. das Bild „Edmond de Belamy“ oder bei der Vollendung von Franz Schuberts Symphonie „Unvollendete“.

Auch die Investmentlandschaft wird gerade revolutioniert. Vielleicht. Es ist schon erstaunlich, dass aktuell fast jeder Fonds, der etwas auf sich hält, mit dem Einsatz von „Künstlicher Intelligenz“ wirbt. Sind Algorithmen die besseren Asset Manager?“ Wir hatten dazu schon öfter unsere Einschätzung dargelegt: „Wir überlassen unsere Entscheidungen nicht den Computern. Niemals. Rechner, so kann man sagen, verarbeiten Informationen und modellieren Entscheidungen – aber sie „entscheiden“ nicht selbst. Sie können es nicht. Streng genommen „denken“ sie nicht, das heißt sie haben keine Intelligenz. Nur wenn man „Intelligenz“ wörtlich nimmt also vom Lateinischen „inter“ („zwischen“) und „legere“ („wählen“, „lesen“), dann vielleicht schon, denn sie können (auf Basis genau vorgegebener Entscheidungszweige) zwischen Alternativen wählen – doch diese (einfache) Form der Intelligenz ist sehr weit weg von dem, was ein jeder Mensch mit seinem Bewusstsein verbindet. Qualität ist etwas anders als Quantität.“ Und, wie wir heute etwas ironisch ergänzen möchten: nicht jede ausgefeilte Programmierung in Excel ist „Künstliche Intelligenz“.

Was würde die Künstliche Intelligenz uns angesichts des aktuellen Zinsumfelds raten? (Immer noch bzw. besser gesagt: wieder im Wert von 9.700 Milliarden weisen Staatsanleihen aktuell eine negative Rendite aus?). Was für eine gigantische Summe. Die Rendite (!) zehnjähriger US-Staatsanleihen ist in kurzer Zeit um fast 1% gefallen – das haben wir genutzt, um unsere Gewinne mit US-Dollar-Anleihen einzuloggen.

In den USA prägt sogar eine (großenteils) inverse Zinsstruktur das Bild. Das heißt, dass man mit kurzfristigen Anleihen eine höhere Rendite erwirtschaften kann, als mit längerfristigen. Diese Gemengelage reflektiert eine pessimistische(re) Erwartung an die künftige Wirtschaftsentwicklung, genau genommen: die inverse Zinskurve in den USA sendet ein Rezessionssignal. Ähnlich kann man auch die Entwicklung der 10jährigen deutschen Bundesanleihe deuten. Sie rentierte im Berichtsmonat erstmals seit drei Jahren wieder negativ. Zeichen, die eine signifikante Konjunkturabkühlung widerspiegeln. Doch zurück zu den USA: Die nachfolgende Grafik zeigt, dass es in der Vergangenheit zwischen 8 –24 Monaten dauerte, bis die Rezession dann eintrat. Aber sie kam seit Ende des 2. Weltkrieges im „Inversions-Fall“ immer, ohne Ausnahme:



Es stellt sich dennoch die Frage, ob wir dann vor einer schweren Rezession stehen, oder vielleicht auch nur vor einem „Rezessiönchen“, das kaum jemand spürt, also kein Konsument und vielleicht nicht einmal Investoren. „Rezession“ ist ein recht klar belegter Terminus. Allgemein spricht man davon, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge zurückgeht.

Das ist etwas ganz Anderes, als eine „Krise“. Im Oktober letzten Jahres hatten wir Sie darauf aufmerksam gemacht, dass die Sorgen um eine „Krise“ Italiens unseres Erachtens von den Finanzmarktakteuren deutlich zu stark eingepreist werden. Entsprechend hatten wir bei Renditen von deutlich über 3,5% zehnjährige italienische Staatsanleihen gekauft. Diese haben wir nun mit sehr schönen Gewinnen verkauft. Schon länger wird, bezogen auf Italien, von Krise und „Alarm“ gesprochen, doch wir denken: es ist wichtig „immer über das Zustandekommen des Alarms zu reden, so viel Zeit muss sein.“1 Denn wenn man von Krise spricht, „ist regelmäßig gemeint, dass das Normale aussetzt, nicht nur ganz kurz, sondern für längere Zeit…aber das Wichtigste fehlt noch: „Was ist eigentlich das Normale? Wie denken wir es?“2 Wer hat die Deutungshoheit über einen Normalzustand? „Es kann unendlich viel heißen“, wie Gerhard Schulze es formuliert. Wie wir seinerzeit darlegten, ist eine hohe Verschuldung des Landes Italien unseres Erachtens „der Normalzustand“.  Wenn das Normale aber schwer bestimmbar ist, dann auch die Krise, die sich durch Abgrenzung zum Normalen definiert. (Umso wesentlicher ist es, bezogen auf Zukunftsprognosen Handlungen abzuleiten, stets vor Augen zu halten?), dass hier eine gefährliche Denkfalle lauert: „Von unsicheren Annahmen zum unbezweifelten Wissen ist es psychisch nur ein kleiner, kaum merklicher Schritt, erkenntnistheoretisch gesehen ist es ein Weltensprung.“3

Ein großer Sprung gelang seinerzeit dem Terminator, nämlich ein Zeitsprung. Eine der spannenden Komponenten des Films ist seine Referenz an das sog. Großvaterparadoxon: Man reist in die Vergangenheit, um dort z.B. den Großvater einer Person zu töten, damit diese nie geboren wird. Ob das „Reisen“ in die Vergangenheit möglich ist, mag bezweifelt werden, wie Stephen W. Hawking mit seiner Party tat.  Die Idee basiert auf einem Gedankenexperiment von Albert Einstein, dem Antitelefon, mit dem man sozusagen in die Vergangenheit telefonieren kann.

Was würden Sie sich vor zehn Jahren – abgesehen vom ex post und per Messpunkt heute sehr einfachen Aussage „kaufe so viele Aktien wie du kannst“; der DAX erreichte damals in Folge der Finanzkrise mit 3.666,41 (!) Punkten seinen Tiefpunkt – im Nachhinein gesagt haben wollen?

Luxemburg, den 11. April 2019
Michael Feiten, Florian Konz, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

Gerhard Schulze: Krisen. Das Alarm-Dilemma (2011), S. 7.
2 Gerhard Schulze: Krisen. Das Alarm-Dilemma (2011), S. 20.
3 Gerhard Schulze: Krisen. Das Alarm-Dilemma (2011), S. 14.

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