Verehrte Investoren,

“Der Zugang zur Macht muss Menschen vorbehalten bleiben, die nicht in sie verliebt sind.“1

Platon

Kennen Sie Johann Philipp Möller? Er war einst ein mächtiger Mann…

Unseres Wissens nach beschäftigte er sich jedoch noch nicht mit Währungen. Wir schon. Noch Anfang 2017 lagen die Kosten für eine ganzjährige USD-Absicherung bei 1,65% – um Ende letzten Jahres auf 4,12% hochzuschnellen und auch aktuell noch über 3% zu verharren. Da es sich hierbei um einen längerfristigen Trend handelt, haben wir schon länger darüber nachgedacht, unsere strategische USD-Positionen zu reduzieren. Das sind solche Positionen, die in der Regel in USD gehandelt werden, wie z.B. Cat-Bonds oder Mikrofinanz. Selbige Anlageklassen werfen aber – wenn auch unkorreliert zu den klassischen Märkten – im aktuellen Zinsumfeld „planbar“ ca. 2-4% ab, sodass – nach (Absicherungs-)Kosten und etwas vereinfacht dargestellt – eine Nullperformance für einige unserer Ziel-Investments in diesem Bereich zu erwarten wäre.

Entsprechend haben wir bzw. werden wir in den beiden Segmenten kleinere Reduzierungen vornehmen. Ferner haben wir mit deutlichen Kurs- und Währungsgewinnen unsere zweijährige USD-Staatsanleihe verkauft.  Doch auch das USD-Aktiensegment gilt es gegenwärtig genau zu beobachten. Dass sie „teuer“ sind, ist kein Geheimnis.  Doch bei amerikanischen Unternehmen deutet sich noch eher aus zwei anderen Gründen eine Zeitenwende an: Einerseits werden die opulenten Aktienrückkäufe der vergangenen Jahre (mit knapp 3,8 Billionen USD entsprechen sie ungefähr dem doppelten amerikanischen Bruttosozialprodukt) nicht nur in der Politik kritischer gesehen, sondern auch von Investoren. So gesehen ist es kein Zufall, dass die US-Börsen im letzten Quartal trotz der in dieser Zeit angekündigten Rekord-Aktienrückkäufe von 260 Milliarden USD deutlich gefallen sind. In der längeren Sicht entscheiden eben doch die (künftigen) Gewinnentwicklungen der Unternehmen.

In dem Kontext liegt der Blick der Investoren bei US-Aktien in den letzten Wochen immer stärker auf dem sog. „Goodwill“. Die Kritik an diesem Konzept ist alles andere als neu – doch die Dimension, in der „Goodwill“ genutzt wird, erscheint fast schon atemberaubend. Schon die dreißig deutschen DAX-Konzerne weisen eine Rekordsumme von 297 Milliarden Euro an „Goodwill“ aus. Bei einigen Unternehmen wie ThyssenKrupp ist der Goodwill sogar höher als das Eigenkapital: 3,8 Milliarden versus 2,8 Milliarden – wohlgemerkt bei einer Marktkapitalisierung von weniger als 10 Milliarden Euro. Der von Bayer veranschlagte Goodwill auf Monsanto beträgt übrigens stattliche 23 Milliarden Euro.

In den USA ist die Lage jedoch weit bedenklicher, die Dimensionen sind andere. Besonders prominent ist das Beispiel der ehemaligen Vorzeige-Aktie Generel Eletric, dem ehemals teuersten Unternehmen der Welt. GE hatte im Oktober letzten Jahres sogar besagte Summe (23 Milliarden! – wenn auch „nur“ USD) an Goodwill tatsächlich abschreiben müssen. Seit Anfang 2017 hat der Kurs der Aktie nun schon fast 80% an Wert verloren.

Unlängst ließ auch eine andere ehemalige „Witwen- und Waisen-Aktie“ aufhorchen: Kraft Heinz, die 15,4 Milliarden an Goodwill auf einen Schlag abschrieben (woraus ein Verlust des Unternehmens von 12,6 Milliarden resultierte). Dies war so viel, dass Fachleute sogar von einem „Mega-Impairment“ sprachen, also einer in keiner Weise mehr normalen Korrektur des Goodwill. Dies mit der gleichzeitigen Verkündung einer Dividendenkürzung um ca. ein Drittel ließ auch den Kurs binnen zwei Tagen um ein Drittel an Wert verlieren. Es scheint, dass die Macht der CEOs und Manager, den „Goodwill“ zu nutzen, doch ihre Grenzen hat.

In Situationen unklarer Machtverhältnisse oder gar von großen politischen Machtverschiebungen, wird immer wieder Gold als Investment in den Fokus gerückt. Prinzipiell verleihen dem Gold-Preis der weltweit (fast überall) negative kurzfristige Realzins sowie das wohl sinkende Gold-Angebot tatsächlich (zarte) Flügel(chen). Seit seinem Tief im August letzten Jahres hat Gold – trotz des starken USD – um 15,89% an Wert zugelegt – andere Edelmetalle wie Palladium sogar um 50%. Zuletzt hatte das Fed angekündigt, künftig die Zinsen noch langsamer anzuheben. Je höher die Zinsen, desto relativ gesehen ertragsärmer wirkt das keine Zinsen und Dividenden „zahlende“ Gold. Ferner hatte das Fed unlängst angedeutet, zumindest darüber zu diskutieren, dass Inflationsziel höher anzusetzen.

Wir verändern im Angesicht des Gesagten unsere Gold-Strategie etwas. Konkret nehmen wir eine knappe Verdopplung der Position vor – allerdings „nur“, um einen Teil systematisch zu veroptionieren, auf rollierender Basis. Für die andere Hälfte verfahren wir weiter mit unserer sehr erfolgreichen „situativen“ Strategie, um kontinuierliche Erträge mit dieser Position zu generieren.

Nicht jedermann braucht „stetige Erträge“. Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel wurde schon mit nur 27 Jahren Geheimer Legationsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums. Das war das dreiköpfige Beratergremium des Herzogs und er erhielt dafür ein Jahresgehalt von 1200 Talern.1 Ein Taler bestand seinerzeit in Preußen aus 17g Feinsilber. Anders ausgedrückt: ein Taler waren 24 Groschen bzw. 288 Pfennige (diese „unrunden“ Umrechnungswerte resultierten aus dem sog. Graumannschen Münzfuß). Um Ihnen ein Gefühl für das „passable“ Gehalt Goethes zu geben: Die Jahres-Miete seinerzeit betrug weniger als ein Zehntel davon, wohlgemerkt inklusive Verpflegung. Ein gutes, „bürgerliches“ Mittagessen kostete ca. 1 ½ Groschen.

Doch Goethe war nicht nur „Geheimer Legationsrat“. Er war ein mächtiger Mann seiner Zeit. Zeit seines Lebens hatte er die verschiedensten, zum Teil aus heutiger Sicht skurrilen, Ämter inne: Vorsitzender der Bergwerkskommission, ebenso der Kriegskommission und auch der Wegebaukommission sowie auch der Schlossbaukommission und der Wasserbaukommission. Er wirkte auch in der Ilmenauer Steuerkommission, war Leiter dessen, was man heute Finanzamt nennen würde, wirkte bekanntermaßen am Weimarer Hoftheater, leitete die herzögliche Bibliothek und hatte die Oberaufsicht über die Sternwarte in Jena sowie die Tierschule in Jena. Ferner ist es seinem Wirken zu verdanken, dass Geistesgrößen wie Hegel, Schelling, Fichte und auch Schiller ihre Professuren an der Universität Jena erlangten. Er verstand viel von Machtstruktururen. So traf er sich nicht nur mit anderen Genies seiner Zeit wie Beethoven, sondern auch mit Napoleon, auf den er große Stücke hielt („einer der produktivsten Menschen, die je gelebt haben“).

Goethe war sehr wissbegierig. Entsprechend beschäftigte er sich früh auch mit mystischen und alchemistischenSchriften, was sich später ja auch im Faust zeigte. Ebenfalls schon früh, 1771 mit 22 Jahren, reichte Goethe seine juristische Dissertation ein. Er erhielt sie nicht. Allerdings nicht, weil er – wie andere auf 93,9% aller Seiten ihrer Dissertation – so „überarbeitet“ war, dass er plagiiert hätte. Sondern weil seine Dissertation das Verhältnis zwischen Staat und Kirche thematisierte und durchaus kritisch beleuchtete.2

Daraufhin widmete er sich wieder stärker seinem eigentlichen Schreiben. Den Götz von Berlichingen kennt man vielleicht noch aus der Schulzeit, doch seinen eigentlichen Durchbruch schaffte er mit „Die Leiden des jungen Werther“. Das Buch schlug dermaßen – vor allem bei jungen Leuten – ein, dass sie zum Teil sein Haus belagerten und Goethe sich für längere Reisen eine zweite Identität zulegen musste. Sein Name: Johann Philipp Möller.

Manchmal sind auch die „Mächtigen“ machtlos. „Manches“, so sagte schon Epiktet, „steht in unserer Macht, manches nicht. In unserer Macht steht das Denken, das Handeln, das Verlangen, das Meiden – dies sind also alle Dinge in uns. Nicht in unserer Macht gegeben sind Körper, Besitz, Ansehen und Würden – also alle außer uns.“

Luxemburg, den 11. März 2019
Michael Feiten, Florian Konz, Carsten Burkard & Ludwig Schnieders

Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I: 1749–1790. (2004), S. 279.
2 Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. (2013), S. 100f.

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