Verehrte Investoren,

„Nicht der Mann, der hofft, wenn andere verzweifeln, sondern der, der verzweifelt, wenn andere hoffen, wird von den anderen als weise angesehen.“

John Stuart Mill

Gemäß des seit 1973 in den EU-Ländern erhobenen Eurobarometers ist Ihre persönliche Zufriedenheit (also die in Deutschland) so hoch wie nie zuvor. Das ist erstaunlich, denn wir leiten unseren Gemütszustand (so gesehen: wiederum erstaunlich) stark von Nachrichten ab. Die Medienlogik- und Realität zeigen: Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Also nicht für Sie – für die Macher der Medien, weil wir Menschen darauf anspringen. Fast kann man schon von einer Gier sprechen. „Die Apokalypse ist das neue Heilige.“

Die Medienlogik entspricht insofern der menschlichen Psychologie (was keine Entschuldigung ist): Wir Menschen sind bei der Zuschreibung moralischer Ernsthaftigkeit voreingenommen. So haben wir die Neigung, die Propheten des Untergangs als seriös, tiefgründig, moralisch oder gar weise darzustellen. Hingegen versehen wir Menschen, die auf Fortschritte hinweisen, mit Attributen wie „oberflächliche Verkäufer“, „zynische Propagandisten“ oder „naive Gutgläubige“. Darauf weist Steven Pinker, einer der renommiertesten Psychologie-Professoren (Harvard) in seinen Büchernregelmäßig hin.

Tatsächlich gibt es durchaus Anlass, optimistisch zu sein oder zumindest Dankbarkeit für den Status Quo zu empfinden:

  • die Lebenserwartung liegt im weltweiten Durchschnitt bei 71 Jahren, wohingegen sie noch zu Zeiten der Aufklärung bei 30 (!) lag.
  • die Arbeitszeiten sind gesunken (der Begriff „Freizeit“ ist erst seit wenigen Jahrzehnten überhaupt mit Leben für viele Menschen füllbar – noch im Mittelalter war „Freizeit“ die wenige Zeit, die frei von Kriegen war; „frey zeit“ war die Zeit, in der Menschen unbehelligt zum Markt gehen konnten)
  • die Zahl der Demokratien ist gestiegen (wenn auch einige prominente „gefährdet“ sind)
  • vormals verheerende Krankheiten mit Millionen von Todesopfern sind besiegt oder eingedämmt, auch gibt es weniger Opfer durch Naturkatastrophen
  • die weltweite Armut ist allein in den letzten 50 Jahren stärker zurückgegangen als in den 500 Jahren zuvor
  • die weltweite Bildung verbessert sich deutlich: heute können (laut Unesco) 80% der Menschen lesen und schreiben – noch 1973 (!) lag die Quote bei nur 63%; ganz zu schweigen vom Rückgang der Kinderarbeit
  • ja, trotz allem: auch Kriegstote gibt es deutlich weniger (selbst Opfer von Terror-Attacken gibt es weniger), die Mordraten sinken weltweit (prominente Ausnahmen wie die USA oder Brasilien werden aber gerne zitiert)

In den letzten Wochen war der NORD/LB Horizont Fonds erstmal seit langer Zeit wieder durch negative Entwicklungen bei den „versicherungsgebundenen Anleihen“ (Cat-Bonds) betroffen. Auf Gesamtportfolio-Ebene des Fonds haben wir durch diese Anlageklasse 0,40% verloren. Eine mit Blick auf die allgemeine Börsenlage besonders unglückliche Koinzidenz – doch für uns kein Grund, die kurzfristige Emotion über den sehr guten und stabilen Charakter unseres Langfrist-Investments entscheiden zu lassen. Seit wir vor fast zehn Jahren als Pioniere in diese Anlageklasse investierten, gab es gelegentlich Zeiträume mit Rückschlägen, insbesondere rund um Fukushima. Und doch hat die Anlageklasse jedes Jahr eine positive Rendite abgeworfen, wie nachfolgende Übersicht der Performance-Daten des Swiss Re Catbond Index aufzeigt (wohlgemerkt, losgelöst von den Finanzmärkten):

Jahr

Wertentwicklung

2017 0,45%
2016 6,94%
2015 4,45%
2014 6,33%
2013 11,44%
2012 10,51%
2011 3,33%
2010 11,29%
2009 13,91%

Mit der diesjährigen nicht so erfreulichen Entwicklung reihen sich die Cat-Bonds in die lange Liste der Anlageklassen, die für das Jahr 2018 eine negative Performance aufweisen. Fast alle hatten deutliche Korrekturen, in Teilen sogar crash-artige Phasen zu überstehen.

Wird sich dieser „Trend“ fortsetzen? Wird die FED die Zinsen weiter erhöhen? Erleben wir nur eine Korrektur in den risikobehafteteren Anlagen, oder haben wir im Jahr 2018 den Beginn einer Baisse gesehen? Stagnieren die Staatsschulden (auf hohem Niveau) oder wird die Konsolidierung weitergehen? Werden die Landtagswahlen in Ostdeutschland im nächsten Jahr die politische Landschaft (weiter) verändern oder gar das Investitionsklima verschlechtern? Wird die japanische Notenbank, die inzwischen knapp die Hälfte aller japanischen Staatsanleihen besitzt, mit ihrem Stimulus fortfahren? Wird die US-Zinsstrukturkurve invers?

Der Jahreswechsel und alle die Prognosen für das nächste Börsenjahr stehen wieder an. Wir denken: dabei werden gute Argumente diskutiert – für die Vergangenheit, für die Gegenwart und möglicherweise für die Zukunft (das wird selbige zeigen). Für dieses Mal wollen wir unsere Kritik an Zukunftsprognosen mit einem einzigen Bild bewenden lassen:

DAX-Prognosen für das Jahr 2018

Institut

Kursziel

J. Safra Sarasin 15 000
Bank Julius Bär 14 600
Donner & Reuschel 14 500
M.M. Warburg & Co 14 500
National-Bank 14 500
Santander Consumer Bank 14 500
Unicredit 14 500
Credit Suisse 14 300
JP Morgan 14 300
Berenberg Bank 14 200
Oddo BHF 14 200
Deutsche Bank 14 100
Targobank 14 100
Durchschnitt 14 009
Baader Bank 14 000
Commerzbank 14 000
DZ Bank 14 000
Haspa 14 000
Hauck & Aufhäuser 14 000
IKB 14 000
LBBW 14 000
Postbank 14 000
VP Bank 14 000
Bankhaus Lampe 13 900
Bankhaus Metzler 13 900
Sal. Oppenheim 13 900
Schröder Bank 13 750
BNP Paribas 13 700
HSH Nordbank 13 550
DekaBank 13 500
Société Générale 13 500
NORD/LB 13 000
Helaba 12 300

Aktuell steht der DAX gut zehn (!) Prozent unter der schlechtesten Prognose.  Wie kann es – immer wieder und wieder – sein, dass Prognosen vollkommen falsch sind? Vielleicht hilft eine Einteilung von Zukunftsprognosen. Je nach Lesart, können drei „Arten“ unterschieden werden:

  1. Prophetische Zukunftsaussagen: Methodische Zukunftsprognosen beginnen mit Voltaire und Hegel. Sie haben das Orakelwesen aus vorherigen Zeiten durchaus abgelöst. Ihre Ambition war allerdings auch nicht nur, dem bis dato Gewesenen einen Sinn zu verleihen, sondern daraus sogar die Zukunft abzuleiten. Gewissermaßen ein Szenario, auf das die Welt zusteuert. Das Künftige wird aus dem Vergangenen extrapoliert – ein nach Kriterien der Logik nicht haltbares Vorgehen. Empirisch spricht ohnehin sehr, sehr viel gegen diese Herangehensweise, mit obiger Grafik als kleines jährlich wiederkehrendes Symbol. Mit dieser Herangehensweise haben besagte Herren im Übrigen durchaus Pate für das marxistische Geschichtsbild gestanden.
  2. Trendforschung: Obwohl es bei dieser Art nicht darum geht, exakte Vorhersagen zu treffen, ist das Problem, dass „Trends überaus launische Gebilde sind. Kaum hat man einen Trend identifiziert, kehrt er seinem Propheten den Rücken. Und dann war es wieder nur ein Wochenend-Seminar bei einem Business-Consulting“, wie Sloterdijk es gewohnt süffisant formuliert. Ganz zu schweigen davon, dass Trends durch schlaue Werbung veränderbar sind. Achten Sie einmal darauf, wie oft Sie die Worte „Trend“, „Megatrend“ oder sogar „unaufhaltsamer Megatrend“ lesen – und in welchen Kontexten.
  3. Voluntaristischer Zugang zur Zukunft: Nach der wunderbaren Hannah Arendt („niemand hat das Recht, zu gehorchen“) gibt es nur eine sichere Methode, die Zukunft zu erkennen, nämlich: Sie geben ein Versprechen ab. Und Sie halten es. Die Dunkelheit der Zukunft (wenn man sie denn sehen will) gründet demnach, wie Peter Sloterdijk sagt, darin, dass viele ihre Versprechen nicht halten.

Der bevorstehende Jahreswechsel ist ja wieder die Zeit der guten Vorsätze. Vielleicht geben Sie ja auch eine Zukunftsprognose ab – im dritten Sinne.

So ganz wollen wir Prognosen aber auch nicht ablehnen. So zeigt Steven Pinker auch gute Entwicklungen auf, die man vielleicht nicht auf dem Schirm hat: Die Gefahr, durch einen Blitzschlag zu sterben ist demnach gesunken – wegen besserer Wettervorhersagen.

Luxemburg, den 05.12.2018
Michael Feiten, Carsten Burkard, Florian Konz & Ludwig Schnieders

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