Verehrte Investoren,

„Das Schiff hat Schlagseite, die Leichtmatrosen sind von Bord – jetzt müssen die Männer mit den Bärten ran.“

Otto Rehagel

betrachten Sie folgende Grafik, welche die Staatsverschuldungsquote Italiens aufzeigt1:

Weniger dramatisch, aber dennoch relevant waren andere Entwicklungen im Berichtsmonat:

Erstmals seit fast vier Jahren schrumpft die deutsche Wirtschaft. Das deutsche BIP fiel im dritten Quartal um 0,2%. Gleichzeitig verkündete Angela Merkel kurz nach der Landtagswahl in Hessen, künftig nicht mehr für den Vorsitz ihrer Partei zu kandidieren – den sie seit 2000 (!) inne hatte.

Erstmals seit sechs Jahren könnten deutsche Aktien ein negatives Jahr hinlegen – es spricht vieles dafür. Am meisten wahrscheinlich, dass gegenwärtig kein Trigger absehbar ist, der in der diffusen Gemengelage einen deutlichen Kaufimpuls erzeugen könnte – immerhin liegt der DAX per Ende Oktober 11,38% im Minus, das erstmal aufgeholt werden müsste.

Über die Hälfte der Negativentwicklung erzeugte mit -6,53% der aktuelle Berichtsmonat. Also ein ganz normaler Oktober. Denn der Oktober war – seit Mark Twains Aussage, dass der Oktober der gefährlichste Börsenmonat sei – in 43% aller Fälle negativ. Die Standardabweichung der Negativwerte ist im Oktober am ausgeprägtesten und selbst prominente Börsenabstürze wie der „Schwarze Montag“ fallen in den Oktober. Am 19. Oktober 1987 verlor der Dow Jones Index innerhalb eines Tages 22,6%. Auch die zwei nächstschwächsten Tage waren im Oktober – nämlich 1929, mit -12,82% und -11,73%. Die schlechteste Woche wiederum – auch im Oktober, zwei Wochen nach dem Lehman-Kollaps im Jahr 2008: -18,15%.

Mal ist der Oktober ein schwacher Börsenmonat, weil es die Saisonalität nahelegt, mal, weil es einen Anlass gibt:

Die zehnjährigen italienischen Staatsanleihen rentierten noch im Frühjahr deutlich unter 2%, jedoch zogen die Renditen inzwischen deutlich an und erreichten im Berichtsmonat ein neues Hoch bei 3,686%. Man könnte argumentieren, dass das ja somit grob dem Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre entspreche (4,042%). Ferner könnte man – ebenfalls korrekt – darauf hinweisen, dass das Hoch in der Euro-Krise 2011 bei immerhin 7,261% lag und damit doppelt so hoch wie aktuell. Jedoch befinden wir uns erstens auf einem heute viel niedrigeren Zinsniveau als seinerzeit. Zweitens und vor allem: anders als damals, konkurrieren heute Länder wie Portugal oder Spanien nicht mit Italien um den Thron der höchsten Rendite (also unsicherste Bonität in den Augen der Finanzmarktakteure) auf Staatsanleihen, sondern befinden sich auf ihrem Jahresanfangsniveau.

Mit anderen Worten: die Marktteilnehmer „bestrafen“ nicht wie seinerzeit den gesamten „Club Med“, sondern es handelt sich um ein singuläres spezifisches Problem Italiens. Und zwar – wenn man so will – um ein neues.

Die Eingangsgrafik deutet es an. Die Schuldenentwicklung Italiens ist wenig erbaulich. Betrachten wir die nächsten Daten.

„Ein dramatisches Bild. Die Staatsverschuldung Italiens ist stark gestiegen und hat sich souverän über der 130%-Marke eingependelt.“

Dies ist tatsächlich exorbitant höher, als 1992 im Vertrag von Maastricht festgelegt worden war. Wir erinnern uns: dort ist die Rede von 60%.

Tatsächlich hat Italien dieses Kriterium seit Einführung des Euro Anfang des Jahrtausends, genauer: seit dem Maastricht-Vertrag, nicht ein einziges Mal eingehalten. Fügen wir in obiger Grafik zwei Daten aus den Jahren davor ein, entfernen den dramatischen Pfeil, ergänzen die letzten (noch gültigen) IWF-Prognosen und behalten das Geschriebene im Hinterkopf:

Das Beispiel ist natürlich überspitzt. Und es ist auch nicht so, dass die Staatsverschuldungsquote Italiens gut ist. Nein, sie ist schlecht. Fast ist man geneigt zu sagen: sie war es schon immer. Das ist Fakt.

Fakt? Das Wort ist vom lateinischen „factum“ abgeleitet, also von „Tatsache“ bzw. von „facere“ für „tun, machen“. Tatsachen sind entsprechend Sachen der Tat – oder anders: Fakten sind gemacht. Sie werden gemacht. Ludwig Wittgenstein fragt entsprechend: „Aber zeigt sich nicht hier, dass das Wissen mit einer Entscheidung verwandt ist?“2

Immerhin, auch wenn „Fakt“ und „Fake“ auf den ersten Blick den gleichen Wortursprung haben, ist dem (wohl) nicht so. Dass es so ist, ist gewissermaßen eine Exotenmeinung unter den Etymologen. Es stammt wohl am ehesten vom Altenglischen „fācn“, also in die Richtung von „fälschen“ gehend. Allerdings sind auch „Fälschungen“ gemacht. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer anderen zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.“3 könnte man vielleicht wieder mit Wittgenstein sagen. Betrachten wir also Italien von einer anderen Seite:

  • wohlhabend
  • die Wirtschaft ist breit aufgestellt
  • gute Fundamentaldaten (und übrigens auch günstige Bewertungen)
  • kleine und mittleren Unternehmen bilden solides Fundament
  • ein Überschuss in der Leistungsbilanz

Zudem: Italien zahlt derzeit im Schnitt gut 3% für seine Schulden. Erhöht sich der Schuldenstand nicht dramatisch, so ist das noch nicht besorgniserregend, zumindest wenn die Zinsen nicht 4 oder 5% übersteigen. Zudem waren die Herabstufungen durch Moody’s und Standard & Poor’s nicht wirklich überraschend. Natürlich: das Defizitverfahren wird eröffnet, die Finanzpolitik wird gelockert, die Regierung ist zumindest euroskeptisch. Dennoch ist Italien nicht Griechenland.

Die Frage, ob ein Phänomen aus verschiedenen Perspektiven wirklich noch dasselbe ist, möge jeder Leser für sich beantworten. „Ein Zweifel, der an allem zweifelte, wäre kein Zweifel.”4 Es muss gute Gründe geben, um zu zweifeln. Wir haben die „Zweifel an Italien“ analysiert und kommen zur Conclusio: Italienische Staatsanleihen erscheinen für uns – zumindest in relativer, wohl sogar auch in absoluter Betrachtung – attraktiv. Wir werden entsprechend Wittgensteins Diktum auch handeln und sagen – mit einem gewissen Augenzwinkern:

Der vernünftige Mensch hat gewisse Zweifel nicht.“5

Wir zweifeln nicht daran, dass Italien in der EU und im Euro-Raum bleibt, selbst wenn das Schiff (wirklich) Schlagseite haben sollte. Zumal:

„Was feststeht, tut dies nicht, weil es an sich offenbar einleuchtend ist, sondern es wird von dem, was darum herumliegt, festgehalten.“6

Otto Rehhagel sagte den Eingangssatz, als er schon längst ein renommierter Trainer in der Bundesliga war. Er sagte ihn nicht, nachdem er als Trainer die nach wie vor höchste Niederlage der Bundesliga-Geschichte kassierte: das legendäre 0:12 von Borussia Dortmund gegen Borussia Mönchengladbach, „als die BVB-Spieler sich weigerten, eingewechselt zu werden“.

Apropos Einwechslung: wir sind sehr froh, dass wir mit Carsten Burkard eine Verstärkung für die Offensive unseres Teams verpflichten konnten. Zu seinen vorherigen Stationen zählen Hauck & Aufhäuser sowie zuletzt GS&P, wo er als Fondsmanager für Aktienmandate aktiv war. Um diese Expertise bei uns weiter auszubauen, haben wir den neuen Mann an Bord geholt. Herzlich Willkommen, Carsten Burkard!

Luxemburg, den 05.11.2018
Michael Feiten, Florian Konz & Ludwig Schnieders

IWF; Stand: 01.11.2018
Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit, Werkausgabe, Frankfurt 1984, S. 191, Anm. 362.
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Anm. 203; in: Tractatus logico-philosophicus, Werkausgabe, Frankfurt 1984
Ludwig Wittgenstein, Über Gewissheit, Werkausgabe, Frankfurt 1984, S. 209, Anm. 450.
Ebenda, S. 163, Anm. 220.
Ebenda, S. 150, Anm. 144.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.