Verehrte Investoren,

Meinen ist ein mit Bewusstsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten.

Immanuel Kant

Als KISS (über 100 Millionen weltweit verkaufte Alben) anlässlich des 35-jährigen Bühnenjubiläums ihre Welttournee ankündigten, ahnte (wohl) niemand, welches ereignisreiche Jahr auf uns warten würde. Vor zehn Jahren, das Jahr 2008: die Vorratsdatenspeicherung tritt in Kraft, Fidel Castro tritt ab, Barrack Obama gewinnt, Andrea Ypsilanti gewinnt und tritt doch ab, die CSU verliert erstmals seit 1962 die Mehrheit im bayrischen Landtag – und am 05. Oktober 2008, einem Sonntag wohlgemerkt, treten zwei Personen vor die Presse zu einer improvisierten, eilig einberufenen Pressekonferenz: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein“ wird die eine, Angela Merkel, sagen und der andere, Peer Steinbrück, wird ergänzen, es ginge nun darum ein Signal zu senden, „damit es zu einer Beruhigung kommt und nicht zu Reaktionen, die unverhältnismäßig wären“.

Zwei Wochen zuvor meldete Lehman Brothers Insolvenz an und wenige Wochen nach der legendären Pressekonferenz begann die amerikanische Notenbank das erste QE-Programm. Weitere folgten und das FED (und andere Notenbanken) kauften Staats- und sogar Unternehmensanleihen in nie gekanntem, nie geahntem Ausmaß. Allein die Bilanz des FED vervier(!)fachte sich auf 4,5 Billionen US-Dollar.

Inzwischen schlug das FED wieder den „Normalisierungspfad“ ein und erhöhte im September bereits zum dritten Mal in diesem Jahr (sowie zum achten Mal seit dem „Tief“ 2015) die Zinsen.  Zwar war dieser Schritt erwartet worden, doch legte der US-Dollar moderat gegenüber dem EUR zu. Da wir – über die versicherungsgebundenen Anleihen – immer ein gewisses US-Dollar-Exposure haben, hilft uns diese Bewegung ein wenig. Sollte sie weiter anhalten, werden wir den US-Dollar wieder stärker absichern, also wieder unsere Normalposition einnehmen.

Auch in anderen Währungen war im Berichtszeitraum Bewegung, die wir selektiv für neue Investments in dem Bereich nutzten. So kauften wir Anleihen von soliden brasilianischen Emittenten bzw. in BRL von supranationalen Emittenten (AAA-Rating), um von der positiven Stimmung der Präsidenten-Wahl noch stärker zu profitieren. Ferner nutzten wir die Gelegenheit für ein Investment in eine in Australischen Dollar notierenden Anleihe (ebenfalls mit AAA-Rating).

Zwar ist die Korrektur an den Aktienmärkten bis dato als „geordnet“, „schon lange überfällig“ und keinesfalls „stark“ zu bezeichnen, doch ist die (implizite, erwartete) Volatilität etwas stärker angezogen. Dies konnten wir zum erneuten Aufbau von defensiven Aktienseitwärtsstrategien mit deutlichem Sicherheitspuffer nutzen. Bei solchen Korrekturen werden immer „Auslöser“ oder „Gründe“ gesucht. Tatsächlich ist für das Gros der Investoren durchaus relevant, dass sich die zehnjährigen US-Renditen deutlich über 3% festgesetzt zu haben scheinen.

Infolgedessen ist die Differenz zwischen der (erwarteten) Gewinnrendite von Aktien und der aktuell schon erhältlichen, echten Rendite von z.B. US-Staatsanleihen deutlich geschrumpft. Allerdings ist sie noch positiv, knapp 3%, was so viel heißt wie: wenn die Zinsen nicht stark steigen, haben Aktien – ceteris paribus J – noch Potenzial. Zudem:

Von 1952 an stiegen die US-amerikanischen Zinsen von 1,5 % bis 15,5% – der Dow Jones Index legte in diesem Zeitraum um 400% zu. Von dort aus fiel der Zins wieder auf 2% zurück – und der Dow Jones bekanntermaßen stieg auch, sogar noch erheblich stärker. Ist es also egal, wie sich die Zinsen entwickeln? Mitnichten. Insbesondere nicht, weil vieles dafür spricht, dass die Zinsen – sowohl in den USA als auch erst Recht in Europa – dieses Mal nicht so stark erhöht werden wie die letzten Male: zu stark sind die Schulden weltweit gewachsen und ist die Gefahr gestiegen, dass die entsprechenden Schuldner davon eingeholt werden. Die Staaten, die Unternehmen und die Privathaushalte.

Schulden sind ein Versprechen an den Geldleiher, das eingesetzte Kapital nebst Zins auch zurück zu bekommen. Ist ein solches Versprechen auch wirklich justiziabel relevant? Als das Duo Merkel/Steinbrück seinerzeit vor die Presse trat, besaßen die Deutschen ein Geldvermögen von 5,9 Billionen EUR. Allein 2,2 Billionen EUR davon lagen auf Giro-, Tages- und Festgeldkonten bei den Banken. Hätte sie das Versprechen im Fall der Fälle wirklich einhalten können? Hätte sie es einhalten wollen? Etwas später räumt die Bundesregierung zumindest ein, die Erklärung von Merkel und Steinbrück stelle „keine rechtsverbindliche und damit selbstständig einklagbare Garantie“ dar.  Wenn man es wohlwollend betrachtet, war das Versprechen seinerzeit eine „hoffende Meinung“, dass es nicht zum Fall der Fälle kommt. Dies ist etwas fundamental anderes, als es wirklich zu glauben oder gar zu wissen.

Keinem geringeren als Immanuel Kant verdanken wir die präzise Unterscheidung zwischen Meinen, Glauben und Wissen: Meinen ist objektiv wie subjektiv belanglos. Glauben ist objektiv, nicht aber subjektiv irrelevant und nur Wissen ist das „sowohl subjektiv als objektiv zureichende Fürwahrhalten“2.

Deshalb hat er – sich einer Anleihe bei Blaise Pascal bedienend – die Wette als „Probierstein“ der Überzeugungsfestigkeit genannt:

„Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis des Irrtums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn stutzig. Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf einen Dukaten an Wert geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn, besitze. Denn den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehn wird er allererst inne, was er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl möglich sei, er habe sich geirrt.“3

Vor einigen Tagen kündigten KISS ihre Abschiedstournee an, eine „denkwürdige“, wie sie sagten. Gene Simmons, das Aushängeschild der Band, besuchte lange eine Rabbinerschule und wollte eigentlich Rabbi werden – doch es kam anders. Vielleicht hätte sein Leben auch einen anderen Weg eingeschlagen, wenn er Anfang der 1980er Jahre das Angebot, die männliche Rolle in „Flashdance“ zu übernehmen, angenommen hätte. Oder das Angebot, bei der Zeremonie zur Amtseinführung von Donald Trump zu singen. So kommt nun also nach 45 Jahren die finale Tournee. Dann kann sich Simmons wieder stärker seinem Hobby widmen und Prognosen zur Entwicklung der Börsen abgeben. So sagte er in diesem September eine Korrektur des Dow Jones von „etwa 1.200 Punkten“ voraus. Die Korrektur hat zwischenzeitlich begonnen. Hatte Simmons also Wissen, gar von der Zukunft?

Vielmehr stellt sich (nicht nur mit Kant) die Frage, was ihn für diese Aussage qualifiziert:

„Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens etwas zu wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urteil eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht vollständig, doch mehr als willkürliche Erdichtung ist.“4

Der eigentliche Irrtum liegt vermutlich noch tiefer. Denn man darf sich durchaus fragen, warum ihm überhaupt so großes Gehör in dieser Frage geschenkt wird.

Irrtümer entspringen nicht allein daher, weil man gewisse Dinge nicht weiß, sondern weil man sich zu urteilen unternimmt, ob man gleich noch nicht alles weiß, was dazu erfordert wird.5

Ist es nicht so, dass Gene Simmons im obigen Video eine politische Botschaft senden will, gekleidet in ein wenig Börsenplausch?

Luxemburg, den 05.10.2018
Michael Feiten, Florian Konz & Ludwig Schnieders

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Hamburg 1998 (Nachdruck der 1. Auflage von 1781), S. 167.
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, Hamburg 1998 (Nachdruck der 1. Auflage von 1781), S. 401.
Ebenda.
Ebenda.
Immanuel Kant, Untersuchung übe die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral, Riga, 1764, S. 19.

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